Die nächste Generation Interview mit Zweiradmechanikermeister Thomas Becker

Zu Besuch in der Fahrradmanufaktur "Meerglas" in Berlin

"Mir hat da das Handwerkliche gefehlt."

Thomas Becker studiert Maschinenbau. Doch ihn reizt die Praxis. Er schmeißt hin, beginnt eine Ausbildung zum Zweiradmechaniker, macht seinen Meister und stellt heute maßgefertigte Fahrräder her, die schon mehrfach prämiert wurden.

Du hast dein Maschinenbaustudium abgebrochen, um eine Ausbildung als Zweiradmechaniker zu beginnen. Warum?

Im Studium wurde mir relativ schnell aufgezeigt, wohin die Reise als Ingenieur geht und zwar an den Schreibtisch. Das erschien mir irgendwann doch sehr fad. Ich hatte mich für das Maschinenbaustudium entschieden, weil mich Maschinen faszinieren, vor allem sie auseinander zu bauen und zu sehen, wie alles funktioniert. Mir hat da das Handwerkliche gefehlt. Ich mach mir gern die Hände schmutzig und will die Dinge, die ich mir erdenke, auch selber bauen. Konstruieren ist großartig, aber nur halb so schön, wenn es am Ende andere bauen.

Hast du den Schritt irgendwann einmal bereut?

In den ersten Jahren der Selbstständigkeit gibt es viele Hürden, vor allem finanzielle. Ich hätte als Ingenieur viel mehr verdient, was das Leben bestimmt an gewissen Stellen einfacher gemacht hätte. Nun, wo ich so weit gekommen bin, will ich die Freiheit nicht missen, das zu tun, was und wie ich es tue.

Was fasziniert dich an Fahrrädern?

Es ist eine relativ simple Technik, die leicht zu verstehen ist. Das Fahrrad bietet aber einen riesigen Raum an Individualisierungsmöglichkeiten. Außerdem ist es die schönste Maschine, die die Menschheit hervorgebracht hat. Wenn man alleine auf einer langen geraden Landstraße vor sich hin fährt, macht sich der Kopf irgendwann frei und der Körper arbeitet von alleine. Man fühlt sich frei.

Was unterscheidet deine Fahrräder von Rädern von der Stange?

Es ist das Gesamtkonzept. Ich schneidere das Rad dem Kunden auf den Leib. Dazu kommt, dass es für den entsprechenden Einsatzzweck ausgelegt ist. Heißt: Laufradgröße, Lenkgeometrie, Rahmen- und Rohrauswahl sind an das Gewicht und Einsatzfeld angepasst. Dadurch sitzt der Kunde nicht nur perfekt, sondern es fährt sich auch noch gut. Und sieht natürlich großartig aus. Es ist nahezu unmöglich, die Detailtiefe, auf die ich Wert lege, in Serie umzusetzen.

Wo bist du mit deinem ersten selbstgebauten Rad hingefahren und was war das für ein Gefühl?

Mein erstes Rad habe ich innerhalb der Meisterausbildung in Frankfurt am Main gebaut. Der Entstehungsprozess des Rades wurde für fast jeden im Kurs zu einer kleinen Obsession. Als man nach der Prüfung endlich draufsteigen durfte, war das Gefühl großartig. Ich habe dann mit meiner Freundin eine kleine Tour von Hannover nach Frankfurt am Main zur Meisterfeier gemacht und war begeistert.

Wie sieht ein typischer Tag bei dir aus?

Um 6 weckt mich meine Tochter. Nach dem Frühstück versuche ich zwischen 7 und 8 in der Werkstatt zu sein. Oft muss man noch irgendetwas besorgen. Dann Kaffee mit meinen Werkstattpartnern trinken und 2 Stunden Mails checken, Angebote und Rechnungen
schreiben, Fotos bearbeiten etc. – dann wird der Lötbrenner angeschmissen oder die Drehbank angeworfen und gearbeitet. Zum Mittag ist immer ein anderer bei uns mit kochen dran. Dann wieder ans Metall. Um 17 Uhr nach Hause, um noch ein bisschen Zeit mit
meiner Tochter zu verbringen.

Du hast für deine Räder schon einige Preise gewonnen. Was bedeuten dir diese Auszeichnungen?

Natürlich eine Menge. Wertschätzung und Anerkennung ist ein Motor, aus dem man Motivation und Kraft gewinnt.

Erzähl doch mal von deinem spannendsten Projekt.

Ich habe vor 2 Jahren eine Mail bekommen. Der Kunde wollte einen klassischen Randonneur im Stile der alten Franzosen – meine Spezialität. Sinngemäß stand darin: „Bau mir ein schönes Rad und zeig, was du kannst.“ Ich hatte also freie Hand bei Gestaltung, Umsetzung und Sonderausstattungen. Wir waren auf der gleichen Wellenlänge. Am Ende habe ich fast 2 Monate an dem Rad gearbeitet. Es gab einen Moment, wo ich dachte, dass das eine Nummer zu groß für mich ist. Mittlerweile ist fast jedes Rad solch ein Projekt und man wird immer wieder aufs Neue herausgefordert.

Beschreibe uns den schönsten und den schwierigsten Moment im Beruf?

Schwierige Momente sind solche, wo Dinge passieren, auf die man keinen Einfluss hat und die einen zurückwerfen: Die Drehbank gibt den Geist auf, der Mietvertrag wird nicht verlängert, weil das Gelände verkauft wird. Ich hatte auch schon einen Einbruch in die Werkstatt und war noch nicht versichert. So etwas ist immer schlimm.

Der schönste Moment ist der, wenn der Kunde nach der ersten Probefahrt wiederkommt und von Ohr zu Ohr grinst. Der Moment, als ich damals den Campagnolo Best Build Award gewonnen hab, war aber auch nicht schlecht.

Du hast dein eigenes, erfolgreiches Business aufgebaut. Hättest du im Rückblick etwas anders gemacht?

Au ja! Finger weg von billigem Werkzeug!

Was kommt als Nächstes?

Eine eigene Werkstatt auf meinem eigenen Bauernhof – nicht sofort, aber in den nächsten Jahren.

Was macht deinen Beruf zum Traumberuf?

Mittlerweile baue ich Räder, die an die goldenen Zeiten des Rahmenbaus in Frankreich herankommen. Das macht mich stolz und ich freue mich jeden Tag, dass ich solche Räder bauen kann und darf.

Hast du einen Tipp für junge Menschen, die noch nicht wissen, was sie beruflich machen sollen?

Wer die Möglichkeit hat zu reisen, sollte das tun. Nichts erweitert den Horizont mehr. Eine Ausbildung ist der beste Weg, eine Tätigkeit
kennenzulernen. Es ist auch nicht schlimm, etwas abzubrechen, solange man danach den nächsten Versuch angeht. Studieren kann man nach der Ausbildung ja immer noch. Man geht dann auch mit einem besseren Fokus ins Studium.

Vervollständige folgenden Satz: Die Zukunft wird ....

“The future is unwritten” – Joe Strummer

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