Die nächste Generation Kolja Gigla

INTERVIEW MIT KOLJA GIGLA

Normalerweise raten Eltern ihren Kindern von Bier ab. Nicht so Kolja Giglas Vater, der ihn zur Brauerausbildung animierte. Ein Glück! Heute zaubert er aus Hopfen, Malz und Fenchel flüssige Kunstwerke.

Wie oft wirst du eigentlich nach Freibier gefragt?

Seltener, als man denken mag. Die meisten Menschen, die sich für Craft- oder Kreativbiere interessieren, haben verstanden, wie viel Arbeit in unseren Bieren steckt und dass sie auch entsprechend honoriert werden sollten.

Trinkst du auch mal ’nen Sekt?

Natürlich kommt das zu den sektüblichen Anlässen auch mal vor. Ist ja von der Sache her dem Bier recht ähnlich. Aber ich bin nicht ganz ohne Grund Brauer geworden.

Wie kamst du denn zum Brauen?

Witzigerweise aus der Not heraus. Ich wollte etwas Handwerkliches und Vielseitiges von der Pike auf erlernen und anschließend eigentlich studieren. Lange habe ich nichts für mich Interessantes gefunden, bis mich mein Vater auf die Idee gebracht hat, mich mit dem Beruf des Brauers zu beschäftigen. Nach meinen ersten Recherchen war ich begeistert. Am Ende meines ersten Arbeitstages als Brauerlehrling war mein Schicksal dann endgültig besiegelt. Danke, Vattern.

Warum liebst du dein Handwerk?

Weil man aus wenigen Zutaten so unendlich viel machen kann. Und weil es sehr viel Wissenschaft, aber auch Erfahrung in sich vereint. Egal ob Biologie, Mikrobiologie, Chemie, Physik, Mathematik, Thermodynamik, Anlagenverständnis o. Ä. Alles wird benötigt, um gut zu sein, in dem, was man tut. Das Schönste ist letztlich aber zu sehen, dass man Menschen glücklich machen kann mit seiner Arbeit.

Wie sieht ein typischer Tag bei dir aus?

Typischer Tag? Was ist das? Den typischen Tag gibt es bei mir nicht. Aktuell sind wir ein 2,5-Mann-Betrieb. Da muss jeder für jeden einspringen. Vom Rohstoffeinkauf über die Produktion, die Auslieferungen und den Vertrieb bis zur Buchhaltung ist für mich jeden Tag alles dabei.

Was bedeutet für dich Erfüllung bei der Arbeit?

Zu wissen, was man tut und warum man es tut. Zu sehen, dass man ein tolles und motiviertes Team um sich herum hat und die Freiheit, neue Wege zu gehen.

Wie kreativ ist es, Bier zu brauen, und wie kommst du auf neue Rezepturen?

Das hängt immer von einem selbst ab. Man kann versuchen, erfolgreiche Biere zu kopieren oder selbst neue Wege einzuschlagen. Ersteres ist natürlich weniger kreativ. Ich würde sagen, es geht um Offenheit gegenüber Geschmäckern und um ein Gespür für mögliche Geschmackskombinationen. Ich denke beim Essen und Trinken (natürlich auch beim Biertrinken) immer auch daran, wie man einen tollen Geschmack in ein Bier bekommen könnte oder wie sich bestimmte Geschmäcker wohl in Bier machen würden. Man sollte erstmal vor nichts zurückschrecken. Das kann man immer noch, wenn man feststellt, dass das, was man sich da überlegt hat, eigentlich überhaupt nicht funktioniert. Ansonsten feilt man an einer Rezeptur herum, bis sie der Vorstellung entspricht und einem ein Lächeln auf die Lippen zaubert.

Was macht dein Craft-Bier einzigartig?

Einzigartig ist so ein großes Wort. Ich würde sagen, dass ich einen sehr großen Fokus auf gleichbleibende Qualität habe. Craft-Biere unterliegen aufgrund der größeren Mengen an Zutaten viel stärker den jährlichen Rohstoffschwankungen als das normale Pils. Das soll und muss auch so sein. Allerdings sehe ich eine große Herausforderung und Können darin, mit den sich ändernden Rohstoffen immer wieder einen möglichst konstanten Geschmack und die gleiche Qualität zu liefern. Ich sehe das inzwischen als unser Markenzeichen. Wir machen nicht die verrücktesten Biere, aber sie sind wiedererkennbar.

Was ist das verrückteste Bier, das du je gebraut hast?

Wenn ich es geschmacklich festmachen müsste, dann wäre das ein Ale mit Fenchel. Habe ich so noch nirgendwo gesehen. Ist aber tierisch lecker und eine sehr spannende Kombination. Vorausgesetzt, man mag Fenchel.

Brauer 2.0 – wie digital ist die Branche mittlerweile?

Da muss man zwischen Klein- und Großbetrieb unterscheiden. Viele Craft-Brauer wollen das Handwerk wahren und verzichten teils selbst auf die Standard-Automatisierungstechnik. Großbetriebe dagegen sehen in jeder Automatisierung erhebliches Kosteneinsparungspotential und investieren entsprechend. Ich war kürzlich in einer großen Brauerei, in der die komplette Verladung der abgefüllten Biere nur noch von einem riesigen Gabelstapler durchgeführt wird. Der Clou an der Sache: Er ist mit einer Software ausgerüstet, die die Fahrten und Aktionen des Staplerfahrers aufzeichnet und sie so erlernt, dass der Stapler diese Aufgabe irgendwann völlig autonom ausführen wird. Sehr imposant und irgendwie auch erschreckend, wie ich finde.

Wo siehst du dein Handwerk in der Zukunft?

Auf jeden Fall gewahrt und beflügelt im Vergleich zu den letzten Jahren. Viele neue Brauereien entstehen und setzen auf Handwerkskunst anstelle von Automatisierung. Das ist schon jetzt in den Berufsschulklassen der Brauer zu beobachten, wo die Klassenstärken wieder auf ein Niveau der 90er Jahre anwachsen. Das ist klar den kleinen Betrieben zuzuschreiben, die sehr daran interessiert sind, ihre Leidenschaft und Liebe zum Handwerk an den Nachwuchs weiterzugeben. Generell erlebt das Handwerk in vielen Bereichen glücklicherweise einen Aufschwung. Ich halte das für eine Folge des geschärften und veränderten Verbraucherbewusstseins.

Manche sagen, Craft-Bier wäre nur ein Hype …

Die Menschen machen sich Gedanken, wofür sie ihr Geld ausgeben und vor allem auch für wen. Dabei geht es mehr um individuelle Klasse als um Masse. Ohne dieses Bewusstsein könnten die meisten kleinen Betriebe nicht überleben. Es geht um eine Grundeinstellung, die sich meiner Überzeugung nach nicht so schnell ändern wird. Sicherlich entwickelt sich im Bereich Bier im deutschen Markt alles etwas anders als in anderen Ländern, aber ich gehe definitiv nicht von einem Hype, sondern von einer langfristigen Koexistenz von Craft- und Industriebier aus.

Was muss man mitbringen, um in deinem Beruf erfolgreich zu sein?

Überzeugung, Mut, Leidenschaft, Know-how, Zeit und verständnisvolle Menschen im engeren Kreis.

Was macht das Brauhandwerk für dich zum Traumberuf?

Die Vielseitigkeit und die Mischung aus allem, was ich schon genannt habe.

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