Die nächste Generation INTERVIEW MIT FRIEDRICH J. DEIMANN

INTERVIEW MIT FRIEDRICH J. DEIMANN

"Ich wollte das Boot neu erfinden."

Mit 10 entdeckt Friedrich seine große Leidenschaft: das Meer. Später gibt er dafür seine Heimat im Ruhrpott auf, zieht in den Norden und revolutioniert ganz nebenbei den Bootsbau.

Was hat dich vom Land zum Meer getrieben?

Ich komme aus Bochum. Als ich 10 war, hat mich mein Opa zum ersten Mal mit zum Wasser genommen. Das fand ich total faszinierend, vor allem die Boote. Ich wollte eigentlich schon immer etwas Handwerkliches machen. Dann habe ich angefangen zu segeln und die Sache war klar.

Was ist am Bootsbau so faszinierend?

Es ist sehr abwechslungsreich, denn wir arbeiten mit vielen verschiedenen Materialien. Man muss die verschiedensten Handwerke beherrschen, beim Innenausbau Möbel fertigen, Motoren einbauen und die Elektrik und Sanitäranlagen machen wir auch größtenteils selbst. Dadurch hat man jeden Tag eine neue Aufgabe.

Was macht deine Boote so einzigartig?

Die Materialien: Traditionell werden Boote aus Holz gebaut. Am verbreitetsten sind aber Boote aus Kunststoff: Glasfasern, Schaumkerne und Harze – alles erdölbasierte Materialien. Die habe ich durch natürliche und nachwachsende Materialien ersetzt.

Wie ist es, zum ersten Mal auf seinem eigenen Boot zu fahren?

Total abgefahren und emotional. Der Bau eines Bootes dauert so um die 1500 bis 2000 Stunden. Das ist eine Art Geburt. Da steckt einfach sauviel Arbeit drin.

Wie hast du dich beruflich entwickelt?

Ich bin erst mal einen sehr traditionellen Weg gegangen und habe Holzbootsbau gelernt. Ich liebe es, mit Holz zu arbeiten. Das ist ein sehr emotionales und natürliches Material. Danach war ich in Australien und habe Bootsbau unterrichtet, mit den Schülern Kajaks und Kanus gebaut. Zurück in Bremen habe ich, um meinen Meister zu machen, in einer Werft gearbeitet, die nur Kunststoff verarbeitet hat. Für mich sind Kunststoffe aber keine schönen Materialien.

Am Markt werden aber vorwiegend Kunststoffboote angeboten. Deshalb habe ich mir überlegt, wie man die Technik der Kunststoffboote, die sehr beeindruckend ist, beibehalten kann, aber gleichzeitig natürliche Materialien einsetzt.

Und so bin ich irgendwann auf die Flachsfaser gestoßen, die vergleichbare Eigenschaften wie die Glasfaser hat. Als Alternative für den Schaumkern verwende ich Kork. Und beim Arzt habe ich ein Material entdeckt, das nicht auf Erdöl, sondern auf Pflanzenöl basiert. Diese Kombination besteht zu 80 % aus nachwachsenden Rohstoffen und ist dabei sogar langlebiger.

Also hast du quasi das Boot neu erfunden?

Ja genau. Deshalb ist es für die Leute manchmal etwas schwierig. Vor 50 Jahren kam das mit dem Kunststoff auf. Das war damals auch erst mal neu. Die Leute kannten nur Boote aus Stahl und Holz. Die haben dem Material erst nicht getraut. Das dauert dann, bis sich das verbreitet.

Siehst du dich eher als Erfinder oder eher als Handwerker?

Eher als Handwerker, weil ich immer danach schaue, was ich direkt umsetzen kann. Ich bin nicht jemand, der über Jahre forscht, ohne auch mal selbst Hand anzulegen.

Wo kann dein Material noch zum Einsatz kommen?

Eigentlich überall, wo sonst ähnliche Kunststoffe verarbeitet werden. Das geht in den verschiedensten Bereichen. Gerade im Freizeitbereich, weil die Materialien einfach leicht und robust sind und durch den Kork auch Schall und Vibration absorbieren. Oder bei Kiteboards und Stand-up-Paddle-Boards. Wir haben auch schon einen Designer-Rollstuhl aus dem Material gebaut.

Haben auch andere Firmen schon angefragt?

Wir hatten zweimal Besuch von Airbus, weil die so was auch interessant finden. Mercedes oder BMW machen auch schon viel mit Naturfasern, also die Innenverkleidungen und so weiter.

Wie sieht ein typischer Tag bei dir aus?

In der Regel gehe ich erst mal durch die Werkstatt und bespreche mit den Jungs, was ansteht und was gemacht werden soll. Dann gehe ich ins Büro, arbeite ein paar E-Mails ab, kümmere mich um die Bestellungen und spreche mit den Konstrukteuren, die Zeichnungen für die Boote erstellen.

Nachhaltigkeit spielt bei deinen Booten eine entscheidende Rolle. Und das Design?

Absolut – das ist noch viel wichtiger. Es darf halt nicht so einen Öko-Touch bekommen, sonst kauft das auch keiner. Die Nachhaltigkeit ist nicht das Hauptargument. Das Produkt muss toll sein, und wenn es dann noch nachhaltig ist, dann ist es mega.

Du gewinnst einen Preis nach dem anderen. Wie fühlt sich das an?

Das ist natürlich eine tolle Wertschätzung, weil ich schon ziemlich viel Energie in meine Boote gesteckt habe. Dann merkt man: „Okay, wir sind auf dem richtigen Weg.“ Cool auch, dass man das Preisgeld, das waren mal eben 100.000 €, dann direkt wieder investieren kann. Das gibt einem die Energie weiterzumachen.

Wie nachhaltig lebst du selbst im Alltag?

Ich achte zugegeben schon sehr drauf. Haha.

Wie schwierig ist es, in einem etablierten Markt gegen den Strom zu schwimmen und alles anders zu machen?

Das ist eine große Herausforderung, aber auch eine Riesenchance. Wenn ich auf einer Messe stehe, gibt es kein anderes Boot, das so gebaut worden ist wie unseres. Da sticht man einfach aus der Masse heraus.
Innerhalb kürzester Zeit haben wir - damals als 2-Mann-Betriebe, mein Auszubildender und ich - direkt ein 100.000-€- Projekt umgesetzt: den Bau eines 8-Meter-Segelboots. Diesen Kontakt hätte man nie geknüpft, wenn man nicht so etwas Einzigartiges auf den Markt gebracht hätte.

Gab’s da auch mal Zukunftsängste?

Ja klar, auf jeden Fall. Als wir angefangen haben, haben wir einen Prototyp gebaut. Den größten Teil davon selbst finanziert, ohne einen Kunden zu haben. Das war schon ein großes Risiko. Aber man muss ja was zeigen auf den Messen. Die Leute nehmen das erst ernst, wenn du da mit einem echten Produkt stehst. Hätten wir das nicht getan, wären wir nicht so weit gekommen.

Was macht deinen Beruf zum Traumberuf?

Ich habe immer davon geträumt, Projekte zu realisieren, bei denen keines wie das andere ist. Immer eine neue Herausforderung. Keine Standardlösungen. Und nachher dann auch ein ästhetisches Produkt, hinter dem man auch selber stehen kann. Das habe ich geschafft.

Vervollständige folgenden Satz: Die Zukunft wird …

Teuer. Aufregend. Nachhaltig.

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