Infos für Betriebe

„DIE WALZ HAT MEIN LEBEN BEREICHERT“

Tischlermeisterin und Restauratorin im Handwerk Johanna Röh war vier Jahre auf Reisen. Was sie auf ihrer Walz durch elf Länder gelernt hat und warum sich internationale Erfahrungen lohnen, erzählt sie im Interview – gespickt mit Infos für Ihren eigenen Auslandsaufenthalt.

Wie hast du dich auf deinen Auslandsaufenthalt vorbereitet?
Ein Jahr bevor meine Lehre endete, hörte ich zum ersten Mal davon, dass alle Berufe auf Wanderschaft gehen können. Das war mir davor gar nicht klar. Ich wollte sowieso Reisen und Arbeiten verbinden. Das dann mit der traditionellen Wanderschaft zu machen, hörte sich perfekt an. Das letzte Lehrjahr habe ich dann genutzt, um Kontakte zu knüpfen. Zwei Wochen nachdem die Ausbildung beendet war, bin ich dann gegangen.

Man geht nicht einfach los, sondern sucht vorher Anschluss an Leute, die schon unterwegs sind oder waren. Ich bin zu Treffen von Wandergesellinnen und Wandergesellen gegangen und habe dadurch eine Wandergesellin getroffen, die mich von zu Hause abgeholt hat und auch die ersten zwei Monate mit mir reiste. Dadurch, dass sich jemand um einen gekümmert hat, kümmert man sich später, wenn man schon länger unterwegs ist, auch um andere.

Diese Möglichkeiten gibt es für Handwerker auf Reisen zu gehen

Wenn Sie selbst Interesse an einem Auslandsaufenthalt haben oder ihren Auszubildenden und Mitarbeitern Auslandserfahrung ermöglichen wollen, sind die Mobilitätsberater der Handwerkskammern erste Anlaufstelle. Weitere Informationen erhalten Sie auf berufsbildung-ohne-grenzen.de.

Wie ist der Zusammenhalt während der Walz zwischen den Reisenden?
Es gibt viel gegenseitige Unterstützung. Wenn man möchte, kann man sehr eingebunden sein, in einen fast familiären oder freundschaftlichen Zusammenhalt. Man muss nicht unbedingt allein reisen, sondern kann auch zeitweise zu zweit oder in Gruppen unterwegs sein.

Es gibt verschiedene „Organisationen“, mit denen man reisen kann – wie kann man sich das vorstellen?
Es gibt die sogenannten Schächte, das sind sowas wie Vereine, die sich um unterschiedliche Berufsfelder kümmern und auch leicht unterschiedliche Regeln pflegen. Aber es gibt auch Schächte, die offen für alle sind. Ich war freireisend unterwegs. Das heißt, ich war nicht in einem Schacht, habe aber trotzdem viele der traditionellen Regeln der Walz beachtet.

Welche Regeln sind das denn?
Bei der klassischen Wanderschaft gibt es traditionelle Regeln. Wenn man nach den Regeln reist, heißt das „zünftig“ zu reisen. Ich bin als Freireisende mit vielen Traditionen unterwegs gewesen. Von der Kleidung, über Verhaltensweisen und das Vorsprechen. Wenn ich in einen neuen Ort gekommen bin, habe ich bei Handwerksbetrieben, der Handwerkskammer und im Rathaus traditionell vorgesprochen. In der Form stellt man sich vor, holt Informationen über Arbeitsstellen und die Stadt ein und bittet um ein Nachtquartier oder Unterstützung bei der Reise.

Johanna Röhs Tipps für einen erfolgreichen Auslandsaufenthalt:

  • Suchen Sie Kontakt zu Leuten, die unterwegs waren und sind. Diese haben die besten Tipps durch ihre eigenen Erfahrungen.
  • Handwerker helfen sich oft untereinander mit freier Kost und Logis. Ansonsten werden auf dem Gastfreundschaftsnetzwerk couchsurfing.com kostenlose Übernachtungsmöglichkeiten angeboten.
  • Nehmen Sie so wenig Gepäck mit wie nötig – wenn man länger unterwegs ist, zählt jedes Gramm.

Ihre Must-haves im Rucksack:

  • Landkarte
  • Notizbuch (zum Notieren von Tipps und Adressen)
  • Schlafsack
  • Taschenlampe

Gibt es Vorgaben für die Route?
Es gibt die Regel, dass Wandergesellinnen und Wandergesellen am Anfang in Deutschland reisen und sich dann immer weiter davon entfernen. Das erste Jahr also im deutschsprachigen Raum, das zweite z. B. europaweit und das dritte weltweit. Mir war aber schon relativ schnell klar, dass ich Lust hätte z. B. in Kanada zu arbeiten. Aber ganz viel entwickelt sich unterwegs. Weil man unterschiedliche Menschen oder Arbeitgeber trifft und keiner sagen kann, wie schnell man irgendwo Arbeit findet.

Hattest du ein Startkapital?
Nein, man geht im Prinzip ohne Geld los. Man lebt von der Hand in den Mund und von der Arbeit für die Betriebe.

Was hast du von deinem Auslandsaufenthalt mitgenommen?
Japanisches Handwerkzeug und die Denkweise der Japaner über ihre Arbeit. Außerdem bin ich sehr viel offener geworden. Für mich ist es einfacher geworden, auf Menschen zuzugehen. Das kommt mir auch beruflich entgegen. 

Sie wollen weitere spannende Geschichten von Handwerkerinnen und Handwerkern, die ihre Arbeit ins Ausland führte? Auf dem Instagram-Kanal @dashandwerk gibt’s aktuell jede Menge davon. Lesen Sie mehr dazu hier.

Warum würdest du jeder Gesellin und jedem Gesellen raten, auf Reisen zu gehen?
Es ist eine super Möglichkeit dazuzulernen und sich weiterzuentwickeln – im Beruf aber auch persönlich. Man lernt verschiedene Betriebe kennen – und gleichzeitig verschiedene Arbeitsweisen und Herangehensweisen. Auslandsaufenthalte sind eine tolle Möglichkeit, Vorurteile gegenüber sich selbst und gegenüber anderen abzubauen.

Darum lohnt es sich für Betriebe Grenzen zu überschreiten:

  • Auszubildende und Mitarbeiter lernen auf einem Auslandsaufenthalt neue Produkte, Arbeitstechniken sowie Berufsbilder kennen – und können mit diesem Wissen im heimischen Betrieb neue Ideen einbringen.
  • Nebenbei verbessert ein Auslandsaufenthalt die Fremdsprachenkenntnisse. Ein Pluspunkt bei der Zusammenarbeit mit internationalen Kunden, Lieferanten und Partnern.
  • Vor allem Auszubildende und junge Fachkräfte kommen von einem Auslandsaufenthalt mit viel neuer Erfahrung und dazu gewonnener Selbstständigkeit zurück.
  • Ein Auslandsaufenthalt macht die duale Ausbildung bei leistungsstarken jungen Menschen interessant. Mit entsprechenden Angeboten stechen Betriebe positiv auf dem Ausbildungsmarkt heraus und können bei qualifiziertem Nachwuchs punkten. 
  • Für viele Formen der Auslandsaufenthalte gibt es finanzielle Unterstützung. Zu diesen und weiteren Fragen informiert Sie Ihre regionale Handwerkskammer.
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