Infos für Betriebe

ÜBER MODERNEN UMGANG MIT NACHWUCHS. EIN INTERVIEW.

Im Handwerk wurden 2016 etwa 142.000 Ausbildungsverträge neu abgeschlossen – ein leichter Anstieg. Doch gerade kleine Handwerksbetriebe haben es schwer, Nachwuchs zu finden. Woran liegt das? Was können Betriebe tun? Und was erwarten junge Leute von einer modernen Ausbildung? 

Wir fragen nach bei der Ernst Wohlfeil GmbH aus Karlsruhe. Das Bad-, Sanitär- und Haustechnik-Unternehmen beschäftigt elf Auszubildende unter seinen 46 Mitarbeitern und ist als Top-Ausbilder vom Fachverband SHK Baden-Württemberg ausgezeichnet worden.

Geschäftsführer Uwe Schäffer berichtet im Interview mit seinem Lehrling Amin Jamai (22 Jahre, 4. Lehrjahr Anlagenmechaniker), wie er junge Menschen für das Handwerk und seine Firma begeistert. 

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1. Wie werden heute junge Menschen auf eine Ausbildung aufmerksam?

Amin Jamai: Viele Jugendliche nutzen heute das Internet – das ist die beste Plattform, um an sie heranzukommen.

Uwe Schäffer: Besonders die sozialen Netzwerke bieten großes Potenzial. Bei Facebook, Instagram, YouTube und Co. können Einblicke in das Firmenleben gegeben werden: Bilder vom Baustellenalltag oder Vorher-Nachher-Fotos wecken das Interesse der jungen Leute. Auch eine informative Internetseite ist sehr wichtig geworden. Mittlerweile haben wir sogar eine eigene Wohlfeil-App, über die wir News veröffentlichen, so auch Stellenanzeigen.

Amin Jamai: Für die Suche nach Ausbildungsplätzen finde ich aber auch Berufsmessen gut. Da hat man die Möglichkeit, sich persönlich über Berufe zu informieren.

Uwe Schäffer: Genau wegen dieses persönlichen Kontakts sind wir mit unseren „Ausbildungsbotschaftern“* auch in Schulen aktiv. Das hat sich bewährt.

* Was sind Ausbildungsbotschafter?

Ausbildungsbotschafter sind Auszubildende im 2. und 3. Lehrjahr, die Schülern authentisch und auf Augenhöhe Berufe vorstellen. Sie berichten über ihre persönlichen Erfahrungen – von der Berufsfindungsphase bis hin zu den Tätigkeiten in der Ausbildung.

Arbeitgeber müssen sich interessant machen

2. Inwieweit müssen Arbeitgeber heute mehr für ihr eigenes Image tun als früher?

Uwe Schäffer: Der Trend ist klar: Es gibt mehr Lehrstellen als Bewerber. Das heißt, ich muss mich als Arbeitgeber interessant machen! Ein einfacher Vergleich mit dem Fußball: Wer möchte nicht bei Real Madrid oder Bayern München spielen? Auch ein Handwerksbetrieb sollte das Ziel haben, sich optimal darzustellen und in der Champions League mitzuspielen.

3. Was erwarten Sie von einem modernen Ausbildungsbetrieb?

Amin Jamai: Bei der Wahl meines Ausbildungsbetriebs habe ich persönlich auf den Zusammenhalt im Team geachtet. In erster Linie wollen junge Leute, denke ich, dass ihnen der Job wirklich Spaß macht.

Uwe Schäffer: Die Auszubildenden sollten früh Verantwortung übernehmen und über den Tellerrand hinaus schauen können. Deswegen machen wir beispielsweise zweimal im Jahr Werksbesuche bei anderen Betrieben.   

Amin Jamai: Für mich ist auch wichtig, dass der Betrieb mit neuen Maschinen arbeitet und man sich auf Schulungen weiterbilden kann – man hört nie auf zu lernen. Ich erwarte auch, dass man aufeinander zugehen und immer Fragen stellen kann.

Uwe Schäffer: In meinen Augen ist Ausbildung klar Chefsache. Das müssten sich noch mehr Betriebe auf die Fahne schreiben.

Die Motivation sollte entscheidend sein – nicht die Schulnoten

4. Worauf legen Sie Wert bei künftigen Auszubildenden und Praktikanten, Herr Schäffer?

Uwe Schäffer: Auf Elan, Motivation und Freude am Handwerk. Wenn der Jugendliche das schon bei einem Praktikum zeigt, hat er gute Chancen auf eine Ausbildung. Dabei sollte der Schulabschluss bei der Auswahl nicht ausschlaggebend sein. Wir nehmen lieber einen motivierten Hauptschüler, als einen „schluffigen“ Abiturienten.

5. Die aktuelle Handwerk-Kampagne #einfachmachen ruft Jugendliche dazu auf, sich beruflich auszuprobieren, bevor sie eine Ausbildung beginnen. Inwieweit unterstützen Sie als Firma junge Menschen dabei?

Uwe Schäffer: Wir ermutigen sie sogar, sich auszuprobieren. Es kann schon mal vorkommen, dass zu Spitzenzeiten drei bis fünf Praktikanten in der Woche bei uns im Betrieb sind. Es liegt doch an uns, Jugendliche, ganz gleich ob Frau oder Mann, für das Handwerk zu begeistern. Ganz nach dem Motto: Der Praktikant von heute ist mein Azubi von morgen und mein Meister von übermorgen.

Amin Jamai: Auch ich habe vor meiner Ausbildung zum Anlagenmechaniker ein Praktikum bei der Firma Wohlfeil gemacht. Die abwechslungsreiche Arbeit und die Stimmung im Team haben mir sehr gut gefallen.

Uwe Schäffer: Das Ziel muss doch sein, schon im Praktikum das Feuer für den Beruf zu entfachen. Dazu sollte ich ihn als Geselle oder Meister auch selbst mit Begeisterung vorleben. Und wenn der Praktikant am Ende nicht im eigenen Betrieb unterkommt, dann bleibt er vielleicht trotzdem dem Beruf treu und fängt bei einem Kollegen an.

Verantwortung übertragen – Vertrauen zeigen

6. Wie setzen Sie das Motto #einfachmachen in die Tat um?

Uwe Schäffer: Wir nehmen das Motto wirklich wörtlich: Bei uns darf beispielsweise ein Azubi im dritten Lehrjahr auch einfach mal einen Kundenauftrag alleine übernehmen. Klein- und Kleinstreparaturen bieten wir zum „Azubi-Tarif“ an. Hierbei entsteht eine Win-Win-Situation: Der Azubi steht auf eigenen Beinen, kommt in Kundenkontakt, übernimmt Verantwortung – und der Kunde entlastet seinen Geldbeutel. Das Projekt kommt bei den jungen Leuten sehr gut an …

Amin Jamai: … und der Lernfaktor ist riesengroß. Durch selbständige Aufträge wächst man. Aber auch in unserem eigenen Azubiraum, liebevoll „Talentschmiede“ genannt, können wir beispielsweise Reparaturen an der Installationswand üben – einfach machen eben.

Sie haben selbst Lust zu zeigen, wie Sie junge Menschen für das Handwerk gewinnen? Wir freuen uns über eine Kurzvorstellung Ihrer Aktivitäten. Bitte schicken Sie sie an: infosfuerbetriebe@handwerk.de (Ihre Ansprechpartnerin: Denise Carstensen).

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